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¡ silence !

Stuttgarter Nachrichten, 12. 5. 1997

Leicht und bissig. Pantomime in der Rosenau

Ist Pantomime eine ziemlich angestaubte Kunstgattung? Zwei junge Pantomimen, die Marcel Marceau-Schüler Wolfram v. Bodecker und Alexander Neander, zeigen, dass es ganz und gar nicht so sein muß. Sie haben sich für Leichtigkeit entschieden, und das ist gut so. Jetzt gastieren die beiden, die zu Marceaus „Nouvelle Compagnie de Mimodrame“ gehören, in der Rosenau. Nur eine ihrer elf Nummern kommt bleischwer problematisch daher (es geht um Bäume) und gerät prompt furchtbar verquast. Sonst aber bekommen die beiden bissige Parodien hin. Von Bodecker und Neander lieben es, Abläufe ins Groteske zu überdrehen. Kellner und Gast bekämpfen sich bis aufs Messer, fechten miteinander. Ein Maler donnert die Farben in zwei Minuten auf die Leinwand. Die beiden Sprachloskünstler haben sehr viel Gefühl für Rhythmus. Bewegungen werden durch hartnäckige Wiederholung ins Lächerliche gezogen. Das mag kritisch angelegt sein und ist zugleich einfach bloß spielerisch, heiter leicht. Leichtigkeit schaffen Bodecker und Neander fast ohne Requisiten. Auf der Bühne steht eine schlichte schwarze Wand, hinter der sich Alexander Neander zum großen Spaß des Publikums in Sekundenschnelle von einem sanften David in einen frankensteinhaften Goliath verwandelt – und zurück. Poetisch und sinnlich setzt Wolfram v. Bodecker Vivaldis „Jahreszeiten“ in Körperlichkeit um. Verblüffend realistisch und zugleich wundervoll zart läßt er den Mantel zu Vivaldis Herbstmusik im imaginären Wind flattern. Bodecker und Neander beherrschen ihr Pantomimehandwerk souverän und haben sich einen eigenen Stil erarbeitet: temporeich, elegant und immer wieder witzig das Absurde streifend. Es ist pures Vergnügen, den witzigen Verrenkungs- und Grimassierkünstlern zuzuschauen.