Schweriner Volkszeitung, 21. 4. 1998Rolltreppe fahren ohne eine RolltreppeVon Bodecker und Neander beim PantomimefestivalEin Mann verschwindet schräg nach unten, eine anderer erscheint schräg aufwärts. Aber wo
ist die Rolltreppe? Sie ist nicht vorhanden, doch sie ist zu sehen: durch die Gestalt der
Pantomimen. Wie der geborene Schweriner Wolfram v. Bodecker und Alexander Neander aus
Paris in ihrem Programm „¡ silence !“ auch wortlos Geschichten erzählen mit hoher Genauigkeit.
Gemälde werden sichtbar im Nichts, Wände, riesige Kugeln, Seifenblasen fliegen dort und
platzen. Beide Schüler von Altmeister Marcel Marceau wissen: „Die Kunst der Geste erlaubt
nichts Zweideutiges“. Und sie beherrschen den Ausdruck, von dem der altgriechische
Schreiber Lukian sagt: „Der Mime, der sich in seiner Geste irrt, macht einen Sprechfehler
mit der Hand“. Sie sind fehlerfrei mit dem ganzen Körper. In dem viele Leute und kleine
Dramen stecken, belebt von Bodeckers Witz und Neanders Traurigkeit. Da ist Bodeckers
Liebhaber, der mit Vivaldis Jahreszeiten warten muß bis er schwitzt, später frostig
erstarrt, wieder auftaut im Frühling, und plötzlich ist seine Hand der Kopf des Mädchens.
Da ist Neanders karikierter Golfspieler, der sich in Posen wirft für die Zuschauer und
dann seinen Ball mühsam aus dem Gebüsch bugsieren muß, vom Geäst heftig bedrängt. Sinnlich
und poetisch erweitern beide die klassische Pantomime um Musik und magische Effekte. Zum
Zauber ihrer Figuren kommt mancher Trick aus der Zauberei. Auch wenn das Wort verbraucht
ist: zauberhaft Manfred Zelt |