Potsdamer Neueste Nachrichten, 22. 12. 2003Aufhebung der Naturgesetze Nichts ist zu hören, und doch rauschen Orchesterklänge durch die Köpfe des Publikums.
Denn auf der Bühne steht ein Dirigent, alt, eitel, zum Parkett und den Rängen lächelnder
Star, zum Orchester der strenge Tyrann. Erst wiegt er sich selbstgefällig in den Klängen,
dann fällt sein Blick auf die Uhr, und er vervielfacht das Tempo, um die Konzertlänge
einzuhalten. Vor den Augen des Publikums geschehen nun die unglaublichsten Dinge bei
den Musikern, die gerade noch souverän ihre Instrumente gespielt hatten und von dem
Tempowechsel überrumpelt werden. Die Oboe wird in der Hektik immer kleiner und schließlich
verschluckt. Des Geigers Bogen saust ihm aus der Hand. Der Harfenistin zerbrechen die
gepflegten Fingernägel, auf die sie so stolz gewesen war, und das rasante Schrubben des
Cellisten, durch das Tempo in die Verkleinerung getrieben, wird zum Zähneputzen. Erst als
das irrwitzige Schauspiel zu Ende ist, wird einem bewusst, dass es die ganze Zeit still und
nur eine einzige Person auf der Bühne zu sehen gewesen war. Es ist die
Kunst der Pantomime, die im leeren Raum Welten erschafft. So war auf der Bühne im Foyer
des Nikolaisaales nur eine rechteckige schwarze Wand, die mal senkrecht, mal waagerecht in
der hinteren Mitte der Bühne stand. Und trotzdem gab es Rolltreppen, Aufzüge, geschlossene
Räume, Caféhaustische, James Bond-Verfolgungsjagden zu Pferde und im Auto, Gebüsch, in dem
ein Golfball verschwand. ¡ silence ist ein Programm aus zehn in sich geschlossenen
Geschichten, das 1999 den Berliner Publikumspreis gewann. Wolfram von Bodecker (1969 in
Schwerin geboren) und Alexander Neander (1970 in Paris geboren und in Stuttgart
aufgewachsen) stehen in der Tradition des legendären, mittlerweile achtzigjährigen
Pantomimen Marcel Marceau. An dessen Pariser Ecole de Mimodrame haben sie gelernt und
gehören seitdem zur Compagnie Marcel Marceau. 1996 gründeten Wolfram von Bodecker und
Alexander Neander ihr Théâtre Mimo Magique. Mittlerweile tourt das Duo durch die Welt und
arbeitet erfolgreich mit wenigen Musikern und mit Orchestern zusammen. Die beiden waren gleich gekleidet, weißes Hemd, schwarze Hosenträger und Hose, weiß
geschminktes Gesicht, und konnten sich derart synchron bewegen, dass ein einziger Atem sie
zu beleben schien, und doch zeigten ihre Gestalten und Gesichter einen angenehmen
Kontrast. Alexander Neander, dessen Gesicht schmal und kantig wirkt und sich für
verschmitzte oder grimmige Grimassen und klotzige Typen eignet. Wolfram v. Bodecker runder,
weicher, freundlicher, zu dem die Rolle des romantischen Liebhabers und kindlichen Träumers
besonders passte und der mit einer traurigen Miene sofort Mitleid erregt. Aber die zwei
Pantomimen setzten sich nicht nur auf ihre Typen, sondern spalteten sich innerhalb von
solistischen Geschichten in zwei oder mehrere Personen. Szenenapplaus für Alexander
Neander, als er David und Goliath immer schneller um die senkrechte Wand herumrennen
ließ. David gebückt und flötespielend auf der Flucht vor dem riesigen Muskelprotz. Auf der
einen Seite der schmalen Wand verschwand David und Goliath stapfte heraus. Der
Typenwechsel steigerte sich zu einem Tempo, dass die Augen fast nicht mehr glauben
wollten, es noch mit einer einzigen Person zu tun zu haben. Wolfram v. Bodecker war sogar
zwei Figuren in einem, streichelnde Hand und Gestreichelter. Und nicht nur sich selbst
verwandelte er auf verblüffende und komische Weise, sondern auch seine sparsamen Requisiten,
wobei die Fingerfertigkeit den zweiten Beruf bewies, er ist auch Zauberer. Gebannt folgte
das Publikum im dicht besetzten Foyer der scheinbaren Aufhebung von Naturgesetzen, den
fesselnden, humorvollen Geschichten der Pantomimen. Am Ende Bravo und Applaus, der sich
erst beruhigte, als die Künstler die Scheinwerfer ausbliesen. Dagmar Schnürer |