Westalemáne Allgemeine Zeitung, 1. 6. 2006Wo Fantasie das Cello zum Klingen bringtDas Théâtre Mimo Magique begeistert beim Fringe-Festival mit akkurater Körpersprache, Witz und magischer Poesie
Imagination ist alles. Wenn das Cello weg ist, dann muss man nur die Augen schließen und einen gedachten Bogen über ein vorgestelltes Instrument streichen lassen, und schönster Wohlklang macht sich breit. Zumindest beim magischen „Out of the Blue“. Das fantastische Pantomimen-Duo des „Théâtre Mimo Magique“ gastiert zur Zeit beim Fringe-Festival der Ruhrfestspiele im Theaterzelt. Dank des Engagements Recklinghäuser Unternehmer konnte das Duo Alexander Neander und Wolfram von Bodecker als zusätzliches Highlight ins Fringe-Programm aufgenommen werden.
Regen prasselt aufs Zeltdach und Sturmgeräusche dröhnen aus den Lautsprechern. Ein im Unwetter abgestürzter Mann hängt an der Fallschirmseide unter der Decke. Er seilt sich ab und findet an einem zweiten Fallschirm seinen Cello-Koffer. Doch hierin findet er nicht sein geliebtes Instrument, sondern einen schrägen, blinden Passagier. Der entpuppt sich als fröhlicher, aber frecher Zeitgenosse, der sich halbherzig an der Suche nach dem verlorenen Cello beteiligt. Die beiden Akteure, erkennbar Meisterschüler der lebenden Pantomimenlegende Marcel Marceau, verbinden mit viel Humor und Mimenspiel Musik und Schauspiel zu einem kurzweiligen Vergnügen. Herrlich, wie der blinde Passagier mit Hilfe eines Radios in Cello-Form seinen neuen Freund über den Verlust des kostbaren Stücks hinwegtrösten will oder wie er den Koffer in ein Klavier verwandelt. Letzte Vorstellung: am heutigen Donnerstag, 19 Uhr. Gefringed wird aber noch bis 4. Juni.
Sein
heiteres Gegenüber und Alter Ego (Wolfram v. Bodecker), das am Ende zunehmend zum
Kontrabass mutiert. Mit sicherem Gefühl für Rhythmus und Steigerung spielen sich die drei
Ideen und Assoziationen in die Hand. Sie nehmen sie auf, führen sie weiter und ad
absurdum. Die Geschichte der Suche nach dem Instrument ist dabei irrelevant, auf sie hätte
man auch verzichten können. Was in Erstaunen versetzt (und auf diesen Effekt zielt dieses
Theater aus der Schule des Altmeisters Marcel Marceau), ist die Komik und Poesie der
Situationen. Wie einer in einer horizontal liegenden Telefonzelle telefoniert. Wie
gemimtes Musizieren und abgespielte Musik eine Weile perfekt harmonieren, um dann
eigensinnige Wege zu gehen. Großer Applaus im kleinen Hackeschen Hoftheater. Er
verstummt noch einmal, als Neander Anstalten macht, zum Sprechen anzusetzen. Wird er es
wirklich wagen, uns aus der wortlos verständlichen Welt herauszureißen? „Sagen Sie Ihren
Freunden, sie sollen, wenn sie herkommen, was ganz Leichtes anziehen.“ Werden wir tun. Elisabeth Höving-Henkel |