Walsroder Zeitung, 5. 10. 2004Die Kunst der Stille: „Überzeugend wie ein Kind“. Besondere Gäste in Benefeld: Wolfram
von Bodecker und Alexander Neander studierten bei Marcel MarceauWer kennt sie nicht: „Bip“, jene tragikomische Kunstfigur mit zerbeultem Seidenhut und
roter Blume. Sie wurde das Markenzeichen des Altmeisters der Pantomime, Marcel Marceau,
der mit 81 Jahren nach wie vor auf den Bühnen dieser Welt steht - mit seiner unnachahmlichen
„L’art de silence“ (Kunst der Stille). Zu seinen Schülern zählen Wolfram von Bodecker (35)
und Alexander Neander (34). Als „Théâtre Mimo Magique“ präsentiert das Duo Geschichten
ohne Worte. In der Aktionswoche der Waldorfschule in Benefeld gehörte ihre Darbietung zu
den Attraktionen. Aber warum wollten die beiden nicht mal als Jungs Lokomotivführer oder
Astronaut werden? „Ich habe Marcel Marceau mit neun Jahren das erste Mal
auf der Bühne gesehen und so die Kunst der Pantomime entdeckt“, erzählt Alexander Neander, "und dann habe ich das alles zu Hause nachgemacht.“ Wolfram von Bodecker kam über das
Jugendhobby Zauberei zur Pantomime. "Mit 18 stellte ich fest: Da fehlt das Theatrale“,
erzählt der 35jährige vom ersten Kontakt zur „sprachlosen“ Kunst. Weltstar Marcel Marceau
hat beide sofort in seinen Bann gezogen. „Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich: Das
oder nichts“, ergänzt Wolfram von Bodecker. Das Besondere an dem berühmten Franzosen?
„Marceau ist ein Genie“, ist der Künstler begeistert, „er hat es als erster geschafft, die
técnica vergessen zu lassen und das Publikum auf eine Reise mitzunehmen, der man ständig
folgt.“ Der Meister regt die Fantasie der Zuschauer so stark an, dass das Spiel Realität zu
werden scheint. Und wie wird man ein erfolgreicher Pantomime? „Man muss viel
Überzeugungskraft darstellen - so wie es oft Kinder tun“, erläutert das Duo. Die
Gesamtkomposition sei wichtig: Das Theater beginne mit der Ankunft des Publikums, das
'abgeholt' werden müsse. Das Öffnen des Vorhangs, der erste Blickkontakt: Das 'Paket'
verstärke die Wirkung. „Es ist auch wichtig, 'einfach' zu bleiben. Das ist schwer, aber
wirkungsvoll. Heute ist ohnehin alles zu laut und zu hektisch“, beschreiben die beiden.
Einfach war es nicht, einen Platz an der „Ecole Internationale de Mimodrame de Paris,
Marcel Marceau“ zu bekommen. Dort lernen die Studenten nicht nur Pantomime, sondern auch
klassischen Tanz, Fechten, Akrobatik, Sprechtheater und vieles mehr. „Wir mussten eine
einwöchige Aufnahmeprüfung überstehen“, berichtet das Duo. Zudem werde in der Eliteschule
immer wieder selektiert, nach drei Monaten das erste Mal, nach einem Jahr erneut. Der
Berliner von Bodecker und Alexander Neander (Paris) schafften das dreijährige Studium und
waren so bestens gerüstet für die eigene Karriere. Ihr Wissen nutzten sie für eine ganz
eigene Kreation aus Marceaus klassischer Pantomimenkunst, Objekttheater und „Théâtre
d'image“. In Benefeld präsentierte das Duo sein Stück „Out of the Blue“, ein filmisch
anmutendes Theaterstück mit visuell-magischen Effekten, Humor und Fantasie rund um eine
Kontrabasskiste. Als Mitglieder der „Compagnie Marcel Marceau“ sind von Bodecker und
Neander außerdem regelmäßig mit dem Meister selbst auf Tour: Alexander Neander startet
heute nach Boston, USA, um mit der Gruppe aufzutreten. Ganz still. |