Süddeutsche Zeitung, 2/22/2005Inszenierte Illusion im Irrgarten der FantasieWolfram von Bodecker und Alexander Neander spielen Theater ohne Stimme und Requisiten
UNTERFÖHRING. Auf der Bühne herrscht Stille. Ein Mann in Schwarz spielt ein ganzes Orchester. Wolfram von Bodecker gibt den Dirigenten, den Violinisten, er bläst die Klarinette und schlägt die Pauke, man hört es förmlich, das erste Anschwellen eines symphonischen Konzerts, das Crescendo der Streicher, die Bläser setzen an – und doch bleibt alles still. Die Pantomime Bodeckers macht Musik sichtbar, Melodiebögen scheinen über die Bühne zu gleiten, Pizzicati machen sich selbständig, am ganzen Körper spürt man die mächtigen Schläge der Pauke – und all das, weil ein Mann in schwarzem Frack mit Handschlag einen imaginären Solisten begrüßt, mit unsichtbarem Taktstock zu weit schwingenden Bewegungen ausholt, sich theatralisch in die Brust wirft.
Dumm nur, dass dem selbstbewussten Dirigenten plötzlich die Zeit davonläuft – ein Blick auf die Uhr, das Gesicht entsetzt verzogen, Hektik ergreift von ihm Besitz, der Taktstock fährt, wie von wilden Hummeln gejagt, im Zickzack durch die Luft, Finger rasen über Klarinettenklappen, Geigensaiten reißen, die Pauke erbebt, und dann ist plötzlich alles vorbei, der Dirigent wischt sich den Schweiß von der Stirn, Verbeugung, Licht aus.
Wolfram von Bodecker und Alexander Neander, die sich beim Studium an der Pariser Ecole Marcel Marceau kennengelernt haben, bilden miteinander das Théâtre Mimo Magique. Für das erste Programm ihres 1996 gegründeten Zwei-Mann-Theaters, „Silence“, haben sie den Berliner Publikumspreis gewonnen. Théâtre Mimo Magique orientiert sich an der klassischen Pantomime, Neander und Bodecker experimentieren aber auch mit Objekt-, Bildertheater und Magie, sie schöpfen sehr viel Inspiration aus der Musik.
Typische Pariser Straßenmusik untermalt die Szene in einem Kaffeehaus. Neander beschwert sich als unwirscher Gast beim Kellner über das Essen. Der verschwindet (hinter einer mit schwarzem Stoff bespannten, halbhohen Wand) im Keller – die Illusion gelingt perfekt –, taucht in der Küche einen Stock tiefer wieder auf, lässt das Essen kurz stehen, um dem Gast dann exakt denselben Teller, balancierend über dem Kopf, wieder zurückzubringen. Der ist zwar zunächst zufrieden, gerät mit dem Kellner aber über die Bezahlung in heftigen Streit. Eine wilde Jagd beginnt, die Musik wechselt zum Titelthema des Films „Mission Impossible“, und die beiden Darsteller jagen sich per Pferd, per Auto, schließlich per U-Bahn-Treppen rauf und runter über die Bühne. Am Ende versöhnen sie sich bei einem gemeinsamen Gläschen, alles ohne Worte – und ohne weitere Requisite als der schwarzen Wand.
Ganz ohne Hilfsmittel kommt Alexander Neander schließlich aus, als er sich durch ein unsichtbares Labyrinth tastet, das ihn in immer engeren Windungen hin zur Bühnenmitte führt. Die Hände flach an die Scheiben gepresst, die Füßen in Seitwärts-Bewegung, in immer neuen 90-Grad-Drehungen; man glaubt, die hohen Scheiben des Irrgartens zu sehen.
Mit Hilfe einer Filmspule und viel Musik unternimmt Bodecker anschließend einen Ausflug in die Filmgeschichte. Der dritte Mann, Doktor Schiwago, James Bond – ein Typ mit Pistole, der sich nach einem lauten Krach mit einer gezierten Bewegung den Staub von der Schulter wischt. Wunderbar inszenierte Illusion und ein zu Recht begeistertes Publikum im Halbrund der Schulaula – das zuletzt von den beiden Mimen mit sanftem Pusten über der flachen Hand hinausgeblasen wird.
Alexander Leuthner |