Hometourdatesabout usVideosdownloadsLinksDeutschSpanish
Out Of The Blue

Bietigheimer Zeitung, 4/11/2006

Blinder Passagier in der Kontrabass-Kiste

Théâtre Mimo Magique verzaubert Publikum im Prisma Freiberg. Nicht zum ersten Mal begeisterten die beiden herausragenden Mimen und Marcel Marceau-Schüler Alexander Neander und Wolfram von Bodecker mit einem Auftritt im Freiberger Prisma. Jetzt präsentierten sie dort ihr erfolgreiches Programm „Out of the Blue“. Obwohl diese Inszenierung schon 2001 in der angesehenen Akademie der Künste zu Berlin ihre Premiere feierte, hat sie seither nichts an Leichtigkeit und Wirkung verloren. Dramatisch begann die 75 Minuten dauernde Darbietung mit Blitz, Donner und einem nur mit Geräuschen angedeuteten Flugzeugabsturz. Ein Mann befreit sich mühsam aus einem riesigen Fallschirm und wird sich langsam der Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst. Mit ihm abgestürzt, ohne Schaden genommen zu haben, ist eine riesige, schwarze Kiste, in der eigentlich ein Kontrabass untergebracht sein müsste. Reise in die Welt der Träume Stattdessen hält sich ein blinder Passagier in dem Koffer auf, der sich klopfend und klingelnd bemerkbar macht. Zusammen mit diesem sonderbaren Menschen erlebt der abgestürzte Flieger verrückte Geschichten. Eigentlich geht es ums Auffinden des Kontrabasses, der in die Kiste gehörte. Flieger und blinder Passagier begeben sich auf eine fantastische Suche nach dem Instrument und erleben dabei absurde und surreale Begebenheiten. Die Zuschauer im Prisma wurden von Alexander Neander und Wolfram von Bodecker, die gemeinsam das „Théâtre Mimo Magique“ gegründet haben, auf eine wundersame, zauberhafte Reise in die Welt der Magie und der Träume mitgenommen. Sie konnten sich der Ausstrahlung dieses mit reicher und dennoch sofort erfassbarer Bildersprache der Szenen vom ersten Moment an nicht entziehen. Die beiden Mimen erzählten ihre Geschichte mit einer überraschenden Fülle witziger, origineller und spannungsreicher Ideen, die sie lebhaft, tänzerisch leicht und immer wie zufällig und spontan entstehend sichtbar machten. Mal Piano, mal Badewanne Die Kontrabasskiste wurde dabei mal zum Piano, mal zur Badewanne oder sogar zum Boot, das in wildbewegter See schlingerte. Gerade diese Szene beglückte auf besondere Weise, weil es Alexander Neander und Wolfram von Bodecker gelang, mit einer überdimensionalen, dünnen, von blauem Licht angeleuchteten Plastikplane gigantische Wogen, die sich über die Bühne zu ergießen schienen, derart realistisch darzustellen, dass die Leute in der ersten Reihe meinten, sie würden gleich in den Wassermassen untergehen. So etwas vermögen eben nur echte Könner, die einst bei ihrem großen Lehrmeister Marcel Marceau in Paris fleißig studiert haben, so glaubwürdig und fesselnd zu gestalten. Der verdiente Schlussbeifall wollte fast nicht enden.
Sein heiteres Gegenüber und Alter Ego (Wolfram v. Bodecker), das am Ende zunehmend zum Kontrabass mutiert. Mit sicherem Gefühl für Rhythmus und Steigerung spielen sich die drei Ideen und Assoziationen in die Hand. Sie nehmen sie auf, führen sie weiter und ad absurdum. Die Geschichte der Suche nach dem Instrument ist dabei irrelevant, auf sie hätte man auch verzichten können. Was in Erstaunen versetzt (und auf diesen Effekt zielt dieses Theater aus der Schule des Altmeisters Marcel Marceau), ist die Komik und Poesie der Situationen. Wie einer in einer horizontal liegenden Telefonzelle telefoniert. Wie gemimtes Musizieren und abgespielte Musik eine Weile perfekt harmonieren, um dann eigensinnige Wege zu gehen.
Großer Applaus im kleinen Hackeschen Hoftheater. Er verstummt noch einmal, als Neander Anstalten macht, zum Sprechen anzusetzen. Wird er es wirklich wagen, uns aus der wortlos verständlichen Welt herauszureißen? „Sagen Sie Ihren Freunden, sie sollen, wenn sie herkommen, was ganz Leichtes anziehen.“ Werden wir tun.

Rudolf Wesner