Neues Deutschland, 11/24/2006Ein leises Wunderwerk
Im Sommer 2005 standen sie mit Lehrmeister Marcel Marceau auf den Gastspielbrettern der Komischen Oper. Nun feiern sie selbst ihr zehnjähriges Bühnenjubiläum: das Pantomimen Duo Wolfram von Bodecker und Alexander Neander. Kennen gelernt haben sich der Schweriner Zauberkünstler und der in Paris geborene, in Stuttgart aufgewachsene Sohn eines Kontrabassisten während des Studiums bei Marceau.
Schon für ihre erste Produktion gewannen sie den Berliner Publikumspreis. Mittlerweile präsentiert die Compagnie Bodecker und Neander auch visuelle Konzerte, inspiriert von klassischer Musik und zusammen mit renommierten Kammerorchestern. Weltweite Tourneen halfen den Ruf des Duos verbreiten. Zum Jubiläum zeigen die Wahlberliner »Out of the Blue« im Theaterforum Kreuzberg und beweisen, dass die Meisterschüler von einst längst zu Meistern geworden sind.
Als sich der junge Mann (Alexander Neander) aus dem Fallschirm befreit, merkt er, dass nur die Kiste seines geliebten Kontrabasses den Flugzeugabsturz überstanden hat. Alles könnte gut werden, fände sich im Gehäuse statt des Instruments nicht ein ominöser Bursche (Wolfram von Bodecker). Der Streit um einen Hut ist ihre erste Begegnung, bei der improvisierten Geburtstagsparty für den Verunglückten enthüllen sich gegensätzliche Charaktere.
Der Robinson im weiten Rauschemantel und mit den dunkel geschminkten Augen ist ein trauriger Träumer, den der pausbäckige Pfiffikus aus der Kiste aufzuheitern sucht. Erst mit Tanz von Ballett bis Flamenco, dann mit imaginiertem Flöten- und Klavierspiel. Als nichts hilft, wird die Kiste zum Kopierer für eine Suchmeldung nach dem verlorenen Streichinstrument.
Das Plakat gerät immer größer, entfaltet sein Eigenleben, Noten, Tasche, Buch, Schmetterling, Rose umgaukeln den verhinderten Virtuosen, suggerieren ihm die Vision eines bejubelten Konzerts. Glücklich seifen sich beide in der Kisten-Wanne, erhalten per Telefon ein Tourneeangebot, vergessen die Adresse und landen, hoffmanneske Situation, in einem Gruselhaus. Eine Bootsfahrt lässt Wellen schwappen, Fische tanzen, gespenstisch das Segel wirbeln. Dann zaubert der Pfiffige wie Coppelius nach einem Buch Kaktus und Flöte herbei. Da reißt der Traurige die Fibel an sich, verwandelt seinen Nebenmann mit Verschwörerblick und Tränken in einen Kontrabass.
Als der Flugzeugbrüchige wie am Anfang seine Kiste öffnet und streichelt, weiß man nicht, ob man seinem Traum oder seiner Wandlung zum bösen Magier beigewohnt hat. So präzis, detailgenau, konkret agieren 75 Minuten lang die beiden Spieler, so fantasiereich im Einsatz der Objekte, dass man sich dem von Lionel Ménard inszenierten Fein- und Hintersinn wohlig hingibt. In einem auf Action und Lautstärke abonnierten Theateralltag bekommt das leis unaufgedonnerte Wunderwerk der Compagnie Bodecker und Neander wie eine Wellnesskur.
Sein
heiteres Gegenüber und Alter Ego (Wolfram v. Bodecker), das am Ende zunehmend zum
Kontrabass mutiert. Mit sicherem Gefühl für Rhythmus und Steigerung spielen sich die drei
Ideen und Assoziationen in die Hand. Sie nehmen sie auf, führen sie weiter und ad
absurdum. Die Geschichte der Suche nach dem Instrument ist dabei irrelevant, auf sie hätte
man auch verzichten können. Was in Erstaunen versetzt (und auf diesen Effekt zielt dieses
Theater aus der Schule des Altmeisters Marcel Marceau), ist die Komik und Poesie der
Situationen. Wie einer in einer horizontal liegenden Telefonzelle telefoniert. Wie
gemimtes Musizieren und abgespielte Musik eine Weile perfekt harmonieren, um dann
eigensinnige Wege zu gehen. Großer Applaus im kleinen Hackeschen Hoftheater. Er
verstummt noch einmal, als Neander Anstalten macht, zum Sprechen anzusetzen. Wird er es
wirklich wagen, uns aus der wortlos verständlichen Welt herauszureißen? „Sagen Sie Ihren
Freunden, sie sollen, wenn sie herkommen, was ganz Leichtes anziehen.“ Werden wir tun. Volkmar Draeger |