Berliner Zeitung, 8. 4. 1999Geschichten aus der Welt ohne Worte „¡ silence !“ – Zwei Schüler Marcel Marceaus im SehparéeLange Zeit schien die Pantomime aus dem Theater verschwunden. Längst vergessen die
grandiosen Auftritte eines Marcel Marceau, der mit seinem stummen Spiel Millionen Menschen
aus der Seele sprach und dessen Gesten von einer neuen Wahrhaftigkeit auf der Bühne
kündeten. Marceau, inzwischen 76 Jahre alt, tourte die Jahrzehnte hindurch durch die Welt.
Kaum ein Auftrittsort, an dem sich nicht Adepten auf die Bühne wagten; Solisten wie er,
weiß geschminkt, mit gestreiftem T-Shirt und hochgezogenen Artistenhosen, herzig geklont
aus des Meisters „Bip“. Seit den 80er Jahren kam das stumme, requisitenlose Tun aus lauter
Überdruß regelrecht in Verruf. Wer sich in diversen Berliner Pantomimenschulen oder
Volkshochschulkursen als Körperkünstler hatte ausbilden lassen, widmet sich zumeist dem
Tanz oder der Comedy. Die Kunst der Körpersprache fristet heute ein schattenhaftes Dasein
auf Kleinkunstbühnen und im Animationsgeschäft, erfährt höchste Ehre gerade noch in
Managerkursen, in denen Führungskräfte lernen, ohne Worte zu lügen. Fast könnte man
meinen, daß das Genre mit seinem größten Protagonisten dem Ende entgegengeht. Aus Paris
kommt jetzt die Welle der Erneuerung. Zwar nicht in Gestalt des Meisters selbst, wohl aber
in Person von Alexander Neander und Wolfram v. Bodecker, in der Schule und Compagnie
Marceaus geschult. Nicht nur den Zug am imaginären Seil und den Griff zur unsichtbaren
Wand beherrschen sie perfekt, mit neuem Witz erzählen sie die immerwährenden Geschichten
aus der Welt ohne Worte. Michael Freundt |