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¡ silence !

Waldorfschule Märkisches Viertel, 22. 2. 2004

Wolfram v. Bodecker aus der Compagnie Marcel Marceau Paris

Wenn Sie am Samstag, dem 21.2.2004 um 17 Uhr nicht in unserer Schule waren, haben Sie etwas wirklich Besonderes verpasst, einen Hauch von Ewigkeit und Schönheit – nämlich ganz große Kunst! Wolfram v. Bodecker braucht dazu fast nichts außer Schminke, etwas Musik und Geräusche vom Band, Beleuchtung und zwei schmale, hohe, schwarze Stellwände. Er selbst ist das Instrument, die Inszenierung, der Inhalt und die Form. Der Mensch als Künstler und Kunstwerk in einem, Schöpfer und Geschöpf, also in letzter Konsequenz Gott und Ich, nichts Geringeres als das, bitteschön! Der Himmel ist einen Spalt weit offen über dem schaffenden Künstler, und hier führte er uns an aus dem Augenblick heraus erzeugten, zarten Fäden zu unserem eigenen höheren Selbst, durch Lachen, Weinen, Hoffen, Verzweifeln und puren Spaß am Spielen und Verwandeln. Der Zuschauerraum wurde zu einer einzigen großen (Lebens-) Bühne, und jeder Zuschauer darauf ein innerer Akteur, so dass ein gemeinsames „Seelentheater“ entstand, mal als Posse, mal als Tragödie, mal als Klamauk, mal als Romanze, aber niemals eine Farce. Ein Stück, „Die Jahreszeiten des Antonio“, führte uns durch alle Metamorphosen der Liebe: Die Erwartung und unendliche Sehnsucht, das Erblühen der Liebe als glutrote Rose im Frühling. Der Sommer mit der Geduldsprobe des Wartens in ermattender Hitze. Danach die Zweifel, der Kampf, die Stürme im Herbst, das Flattern des (Seelen-)Mantels und letztlich das Verwehen der roten Blütenblätter. Schließlich Resignation, Erstarrung, leblose Körperhülle und innerer Tod, absolute Entsagung im Winter. Und dann endlich ein neuer Frühling auf einer neuen Stufe, nach allem Durchgestandenen und Überwundenen das Auftauen, Auferstehen, die Oktave der Liebe nun ihre Erfüllung findend. Die Rose erblüht auf zauberhafte Weise neu, der geliebte Mensch ist plötzlich da, und ein unbeschreibliches Glück findet seinen Ausdruck in einem Tanz des Lebens. Mehr kann man zum Thema Liebe nicht sagen bzw. zeigen. Ein anderes Stück, „Der Maskenmacher“, greift in die Tiefen und Untiefen unserer Selbstdarstellung und -verstellung. Ein Mensch stellt seine eigenen Masken her, probiert diese und jene und trägt seine Masken immer öfter und wechselnder, eine lächerlich übertriebene Spaßmaske, eine grotesk geformte Trauermaske, eine äußerst verzerrte Wutmaske und noch andere ähnliche. Bis eine von ihnen in einem kalt erschütternden Moment sich nicht mehr lösen lässt. Der Mensch steigert sich mehr und mehr in seinen Kampf um Rückfindung zu sich selbst, Raserei und pure Verzweiflung hinter der immer gleichbleibend fratzenhaft lachenden Maske. Das Gruseln lief einem den Rücken herunter angesichts dieses Leides hinter der unerbittlich festgewachsenen Fassade. Zu weit getrieben das Spiel, Ende, aus. Oder war das einfach nur lustig? Die Panne des leichtsinnigen Spielers, ein dummer Zufall? Tragik und Komik liegen im Leben wohl immer knapp beieinander, es kommt auf den Blickwinkel an. Jedenfalls ist die Situation vertrackt, und es wird jetzt eine sehr gefährliche Lösung probiert. Der arme Unglückliche setzt, zum Äußersten bereit, mehrmals ein Stemmeisen an sein eigenes Gesicht, an die Maske. Er riskiert sein äußeres physisches Gesicht um seines inneren wahren Antlitzes willen, wenn nicht sogar sein Leben – und dann gelingt es auch ganz unverhofft! Die Maske fällt, der Mensch steht da, völlig erschöpft und vom Leiden geprägt, erschüttert und dem neuen Zustand vorerst noch hilflos ausgeliefert, aber mit seinem Menschengesicht. Oder ist es ein totes Gesicht? Konnte nur der Tod noch helfen, die Auflösung des Leibes samt Maske? Wieder die Ambivalenz der Situation, der Zuschauer kann in sich selbst die möglichen Antworten finden. In der „Klavierstunde“ begegnen sich Erwachsener und Kind, beide gespielt natürlich vom einzigen Darsteller, wobei das physisch Unmögliche künstlerisch geschieht: Es sind zwei Personen gleichzeitig in der Handlung! Der Lehrer, ein sicher genialer Virtuose, aber gleichzeitig ein blasierter, selbstversunkener, vom Kind innerlich meilenweit entfernter, stupider Pädagoge, und der vorerst ängstliche, verschreckte, seine „Leistung“ nicht bringende Schüler. Das Kind wird nach gehörigen Ermahnungen und Strafmaßnahmen dann kecker, neckt den Lehrer, schießt mit seinem Katapult Papierkügelchen, trickst ihn aus und schleicht in einem unbeobachteten Moment hinaus, um vielleicht nie mehr wiederzukommen. Nicht ohne vorher noch liebevoll seine Noten zu schließen und mitzunehmen. Es liebt ja seine Musik – bloß mit diesem Lehrer und dieser Art des Unterrichtens?! Pädagogische Unzulänglichkeiten klingen recht humorvoll an. Weiterhin gab es die Geschichte des vom Pech und Ungeschick verfolgten Menschen bei seiner Arbeit, „Der Plakatkleber“, wo am Ende von seinem prächtigen großen Plakat, was eigentlich angeklebt werden sollte, nur ein Papierklümpchen übrig ist. Dieses wird erleichtert und fröhlich in die Luft geschnipst. Die Arbeit ist erledigt, war ja auch eigentlich nicht wichtig! Die sanguinische Art der Problemlösung – und das Leben ist leichter. Wir wurden noch durch „Die Filmgeschichte“ und ihre verschiedenen gewaltig-lächerlichen oder rührend-komischen Szenen geführt, konnten „Das Orchester“ samt Dirigenten bei einer mehr oder weniger gelungenen Aufführung mit überraschendem und drastischem Ende beobachten und staunten in dem Stück „Popcorn“ über die Verwandlung einer Tüte für letzteres in einen Damenhut, die kühne Kopfbedeckung eines Fechters, eine Gitarre und schließlich in ein Bündel mit einem Baby – eine geträumte, zauberhafte Lebens- und Liebesgeschichte eines popcornknabbernden Fernsehfilmguckers. Alles ist gut und schön für ihn am Ende, aber eben „nur“ geträumt, auch wenn das Lächeln auf dem Gesicht des Träumers zurückbleibt. Das ist Pantomime in ihrer schönsten und wahren Vollendung. Durch eine hoch künstlerische, streng einstudierte Form hindurch spricht sich das Leben selbst aus. Pantomime als wirkliche ernst-heitere, sinnlich-übersinnliche Lebens-Kunst. Astrid Hellmundt (E)

Astrid Hellmundt