Cellesche Zeitung, 17. 1. 2006Stumme Klangfarben der Phantasie CELLE. Das Pantomime-Duo Alexander Neander und Wolfram von Bodecker haben in Kunst und Bühne gezeigt, dass man auch ohne Worte viel aussagen kann. Mit ausgefeilter Gestik und toller Mimik erweckten die beiden in zehn kleinen Szenen große Gefühle zum Leben, vor denen die Sprache ohnehin kapitulieren muss.
Erschreckend, was man alles verpasst, wenn man es nicht durch Zufall nicht verpasst, wie den Auftritt dieser großartigen Künstler Alexander Neander (Paris) und Wolfram von Bodecker (Berlin), Schüler des Pantomimen Marcel Marceau und Meister ihres Faches. Zwei stumme Gestalten in tragischem Schwarz, mit geweißtem Gesicht, schleichen sich durch die Reihen in Kunst und Bühne. Im Hintergrund Töne aus dem Off. Gewitter. Regen. Illusion. Unter einem imaginär aufgespannten Schirm entfaltet sich eine traumtänzerische Musik. „Wassermusik”. Kunst aus den Klangfarben der Phantasie.
Das „Théâtre Mimo Magique“ nahm die Zuschauer gefangen. Die akzentuierte Rhythmik, die leichtfüßig-akkuraten Bewegungen, das Mienenspiel theatralischer Augen und roter Münder, übertriebene Gesten mit feinem Schliff, erweckten in zehn kleinen Szenen große Gefühle zum Leben, vor denen die Sprache ohnehin kapitulieren muss. In jedem Zucken, jeder Gebärde fand man sich als Mensch gespiegelt.
Ohne Requisiten bebildert „Der Golfspieler” Neander Smalltalk und peinliche Fehlschläge ins Gebüsch. Hinter einer Stellwand – Hauptrequisite des Stücks „Silence”, das 1999 den Berliner Publikumspreis gewann – mimt Neander den flötespielenden David, verfolgt vom frankensteinartigen Goliath, derart, dass man nur einen einzigen Rollenträger nicht für möglich hält. Lange Finger bekommt er als Taschendieb, hinter der Stellwand verlängert durch Bodecker. Im Weltraum fordert ihm die Langsamkeit ein Höchstmaß an Körperbeherrschung ab. Der freundlich-gewitzte Bodecker träumt sich in „Popcorn” vom Fernseher weg in eine Abenteuer-Romanze, in der die Tüte mal Hut, Geliebte, Gitarre oder Bündel mit einem Baby ist.
Wunderbar auch die stillen, gewaltigen Orchesterklänge. Bodecker als Dirigent. Die Gesamtheit aller Augenblicke in einer Person, in zwei Gesichtern. Umschmeichelter Dirigent und tyrannischer Perfektionist – dem leider sein Dirigat aus den Fingern gleitet, zur Freude des Publikums. Denn die Musiker – ebenfalls Bodecker – sind vom Tempowechsel überfordert. Die Oboe wird in der Hektik verschluckt, der Bogen einer Violine saust von der Saite, und der Mann mit dem Taktstock erleidet einen Herzinfarkt.
Was das Duo, das mit der „Compagnie Marcel Marceau” weltweit tourt, aus dem Dunkel des Nichts auf die Bühne zaubert – Rolltreppen, Aufzüge oder die lebens- und liebeszyklischen „Jahreszeiten des Antonio”, ist sinnliche Poesie. Dafür gab‘s donnernden Applaus vom überwältigten Publikum. Zugaben. Staunen. Stille.
Aneka Schult |