Tagesspiegel, 1. 9. 2002JenseitsWir wissen es spätestens seit Patrick Süskinds Ein-Mann-Stück: Der Kontrabassist liebt
und hasst sein Instrument wie eine Frau. Während Süskind daraus eine rasend depressive
Monologsuada entwickelte, entfaltet das „Théâtre Mimo Magique“ die gleiche Konstellation
ohne Worte, mit virtuoser Leichtigkeit und liebevoller Komik zum Mimodrama „Out of the Blue“.
Drei Protagonisten bestimmen das Bühnengeschehen: Die Kontrabasskiste, die sich
unerwartet wendig zur Badewanne, zur Telefonzelle, zum Konzertflügel und Labor verwandelt.
Der melancholische Kontrabassist (Alexander Neander), der durch einen Flugzeugabsturz in
eine Einöde katapultiert wird und nun verzweifelt nach seinem Instrument sucht. Sein
heiteres Gegenüber und Alter Ego (Wolfram v. Bodecker), das am Ende zunehmend zum
Kontrabass mutiert. Mit sicherem Gefühl für Rhythmus und Steigerung spielen sich die drei
Ideen und Assoziationen in die Hand. Sie nehmen sie auf, führen sie weiter und ad
absurdum. Die Geschichte der Suche nach dem Instrument ist dabei irrelevant, auf sie hätte
man auch verzichten können. Was in Erstaunen versetzt (und auf diesen Effekt zielt dieses
Theater aus der Schule des Altmeisters Marcel Marceau), ist die Komik und Poesie der
Situationen. Wie einer in einer horizontal liegenden Telefonzelle telefoniert. Wie
gemimtes Musizieren und abgespielte Musik eine Weile perfekt harmonieren, um dann
eigensinnige Wege zu gehen. Großer Applaus im kleinen Hackeschen Hoftheater. Er
verstummt noch einmal, als Neander Anstalten macht, zum Sprechen anzusetzen. Wird er es
wirklich wagen, uns aus der wortlos verständlichen Welt herauszureißen? „Sagen Sie Ihren
Freunden, sie sollen, wenn sie herkommen, was ganz Leichtes anziehen.“ Werden wir tun. Simone Fässler |