Neue Ruhr Rhein Zeitung, 27. 6. 2005Die Suche nach dem verlorenen GlückKLEVE. Auf der Bühne: zwei Fallschirme, eine schwarze Kiste. Ein Mann hängt noch in einem der Fallschirme, langsam erwachend. Wüste. Leere. Einsamkeit. Der Mann im schwarzen Mantel macht sich vom Fallschirm frei, um die Kiste zu öffnen. Die Kiste: ein Kontrabasskoffer. Darin: ein Mann.
"Out of the Blue": Diese Szenerie könnte sich Samuel Beckett ausgedacht haben. Warten auf Godot, Endspiel. Zwei Männer vertreiben sich die Zeit im Nirgendwo. Aber hier wird nicht gesprochen, nicht ein Wort. Pantomime heißt diese Kunstform, die man (leider) nur sehr selten zu sehen bekommt. Geschichten erzählen mit Mimik und Körper, Dekoration und – vor allem – Phantasie. Im Klever XOX-Theater waren nun Wolfram von Bodecker und Alexander Neander zu Gast, beide Schüler und Mitarbeiter von Marcel Marceau. Ein traumhafter Abend voller Witz und Emotion, Schönheit und Leichtigkeit.
Das fängt an beim Kontrabasskoffer. Nicht nur ist darin Platz für Abreißkalender und Weihnachtsgeschenk (ein Radio in Kontrabassform). Überdies ist er gar kein Kontrabasskoffer, sondern in Wirklichkeit eine Badewanne. Eine Telefonzelle. Eine Haustür. Ein Boot. Ein Grab. Eine Computerstation. Je nachdem, was die beiden Akteure gerade im Schilde führen.
Weil der Kontrabassist den fremden Mann im Koffer gefunden hat, begibt er sich auf die Suche nach dem verlorenen Instrument. Zunächst hilft noch die Kraft der Einbildung. Auf zwei Holzböcke aufgebahrt, mutiert der Koffer zum Flügel und, mitgerissen von der Unbekümmertheit des Fremden, zupft der Kontrabassist durch die Luft, berauscht vom Klang in seinem Kopf. Doch bald schon muss die Suche mit Plakaten fortgesetzt werden. Und als auch das nicht hilft, bleibt nur noch der Weg zum chemischen Experiment. So mutiert zuletzt der Fremde zum Kontrabass, aus seinem Rücken wächst der Steg, aus seinem Arm der Bogen. Gespenstisch. Alles nur ein Traum?
Es ist herrlich, die totale Körperbeherrschung der beiden Pantomimen zu betrachten, ihre Tanzschritte und Handbewegungen, ihr Augenrollen und raffiniertes Lächeln. Untermalt von melancholischer Filmmusik (u.a. Amélie, Delikatessen), bringen sie die großen Menschheitsfragen ganz wortlos auf die Bühne. Man leidet und hofft mit, man lacht und ist traurig, und immer bewundert man die unzähligen kleinen Ideen, mit denen das Stück angereichert ist. Auch wenn der Kulturbetrieb mit ungezählten kleinen und großen Spektakeln aufwartet: So ein Abend ist unvergesslich.
Sein
heiteres Gegenüber und Alter Ego (Wolfram v. Bodecker), das am Ende zunehmend zum
Kontrabass mutiert. Mit sicherem Gefühl für Rhythmus und Steigerung spielen sich die drei
Ideen und Assoziationen in die Hand. Sie nehmen sie auf, führen sie weiter und ad
absurdum. Die Geschichte der Suche nach dem Instrument ist dabei irrelevant, auf sie hätte
man auch verzichten können. Was in Erstaunen versetzt (und auf diesen Effekt zielt dieses
Theater aus der Schule des Altmeisters Marcel Marceau), ist die Komik und Poesie der
Situationen. Wie einer in einer horizontal liegenden Telefonzelle telefoniert. Wie
gemimtes Musizieren und abgespielte Musik eine Weile perfekt harmonieren, um dann
eigensinnige Wege zu gehen. Großer Applaus im kleinen Hackeschen Hoftheater. Er
verstummt noch einmal, als Neander Anstalten macht, zum Sprechen anzusetzen. Wird er es
wirklich wagen, uns aus der wortlos verständlichen Welt herauszureißen? „Sagen Sie Ihren
Freunden, sie sollen, wenn sie herkommen, was ganz Leichtes anziehen.“ Werden wir tun. Andreas Daams |